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Hilfe, ich bin Chandler!

 

 

Mein Leben mit Ironie-Zwang

Dieser Tage übe ich mich in großer Selbstbeherrschung. Die Herausforderung besteht darin, keine sarkastischen Kommentare in eine Whatsapp-Gruppe zu schreiben, die meine Nerven aktuell sehr strapaziert. In der Gruppe wird ein Klassentreffen geplant. Zehn Jahre Abi.

Ich will nicht zu viel preisgeben, nicht, dass ich wieder ausgeladen werde, nur so viel, mir zuckt es mir bei vielen Wortmeldungen in dieser Gruppe in den Fingern, mit einem richtig nervigen, spöttischen, überhaupt nicht konstruktiven Kommentar zu antworten. Einfach aus Prinzip. Weil ich gerne auf Nachrichten, die seltsamerweise mit „Grüße, H. Müller“ enden, mit „Grüße, J. Hackober“ antworten würde. Ein Reflex, den ich unterdrücken muss. Das mit der Doodle-Abstimmung, bei der ich 365 Tage zur Terminauswahl stellen wollte, habe ich ebenfalls gelassen.

Auch, weil ich mich frage, wann und wie das eigentlich gekommen ist, dass ich zu den Menschen gehöre, die auf eine Einladung zum Klassentreffen eben NICHT mit den Worten „Vielen, vielen Dank an die Organisatoren!!!!“ antworten. Sondern zu denen, die sich zusammenreißen müssen, um keine Witze über die geplante Führung durch unsere alte Schule zu machen, deren Sinn meiner Meinung nach nur darin bestehen kann, zu überprüfen, wie viel vom dunklen 70er-Jahre-Asbest-Beton immer noch nicht hell übertüncht wurde.

Naja, vielleicht hegen die anderen ja wirklich nostalgische Gefühle für diesen Bunker, in dem wir unsere Jugend verbracht haben. Kann ich nicht beurteilen. Bin wohl schon wieder viel zu negativ eingestellt. Zu meiner Verteidigung: Neben meinem Chat-Namen ist halt auch kein Friedenstauben-Emoji eingebaut.

Irgendwann muss ich in der Persönlichkeitsentwicklung die Chandler-Bing-Abzweigung genommen haben. In der Serie „Friends“ gibt es eine Folge, in der Chandler mit seinen Freunden eine Wette eingeht – eine Woche lang soll er keine ironischen Antworten geben. Einfach mal den Kommentar verkneifen. Schafft er natürlich nicht.

Ginge mir genauso. Es hat schon einen Grund, warum über vielen meiner Artikel der Hinweis „Achtung, Ironie!“ steht. Ich nehme mit viel Engagement am beliebten Journalisten-Wettbewerb „Wer ist am ironischsten/schlagfertigsten/scharfzüngigsten?“ teil, das will ich ehrlich zugeben.

Aber gefällt mir das eigentlich? Darüber kann man ja auch mal nachdenken. Überhaupt ist so ein Abijubiläum der perfekte Zeitpunkt, um über manches im Leben nachzudenken.

Vielleicht wäre ich doch lieber eine Frau, über die alle sagen: „Die Julia ist soooo nett.“ Eine Frau, die, statt querzuschießen, schon mal beim Griechen am Bahnübergang anruft und fragt, ob er bei einem Klassentreffen nicht Bifteki zum Spezial-Preis anbieten könnte. Und als Überraschung selbstgebackene Dinkel-Muffins mitbringt.

Dass das nicht so gekommen ist und ich mich fortwährend nur unbeliebt mache, daran sind selbstverständlich meine Eltern schuld, so ist das ja immer. Bei uns zu Hause kann sich beim Abendbrot jedenfalls nicht mal jemand ein Stück Käse abschneiden, ohne dass ein anderes Familienmitglied ruft – „Lässt Du uns die andere Hälfte übrig?“ Und da soll man nicht sarkastisch werden!

Sarcastic Garth Marenghis Darkplace GIF - Find & Share on GIPHY

Vielleicht bin ich aber auch einfach lieber eine lustige Frau als eine „nur“ nette. Ich finde: Solange man nicht zynisch wird, sondern fröhlich bleibt bei der ganzen Ironie, ist das schon in Ordnung. Was soll ich sagen, ich lache eben gern, und mich bringt vieles zum Lachen, vor allem im menschlichen Miteinander. Das zeugt nicht von Menschenfeindlichkeit, eher im Gegenteil.

Man muss natürlich ein bisschen aufpassen, dass man die Mitmenschen nicht total verprellt. Das ist schon klar. Ein Rundum-Austeilen im Sibylle-Berg-Style macht sich vielleicht auf Twitter gut, im richtigen Leben ist zu viel Sarkasmus der eigenen Beliebtheit nicht gerade zuträglich. Außerdem: Wer zu oft gegen andere schießt, muss im Gegenzug leider ständig Witze über sich selbst machen. Aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit und zum Zeichen der geglückten Selbstreflexion. Auf Dauer etwas anstrengend, dieses System.

So, Psychoanalyse beendet für heute.

Ich freue mich sehr auf das Klassentreffen, wollte ich noch sagen. Vielen Dank an die Organisatoren. Gebt Bescheid, wenn ich helfen soll!111!!!

 

 

 

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