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Männer, bitte zieht den schwarzen Rolli wieder aus!

Man mag von der Bambi-Verleihung halten, was man will. Aber wenn es in Berlin schon mal eine Red-Carpet-Veranstaltung gibt: Muss man dann echt im schwarzen Rolli erscheinen? Jogi Löw hat’s gemacht. Artikel erschienen am 18.11.2016 auf welt.de/icon

Vorab eine Feststellung: Wenn ein Mann überhaupt einen Rollkragenpullover tragen kann, dann Jogi Löw. Also, wir sprechen hier über schmale, schwarze Rollis, gern aus Kaschmir, nicht über grobgestrickte Holzfäller-Exemplare. Und der schwarze, schmale Rolli ist für Männer eben das, was für Frauen Miniröcke oder Overkneestiefel sind: Manche können’s tragen, andere eher nicht. Jogi Löw ist nun ein Mann, der rein physisch durchaus etwas darstellt, die Haare sitzen, trainiert ist er sowieso; beides körperliche Vorzüge, die durch das Tragen eines Rollkragenpullovers ganz hervorragend zur Geltung kommen.

Bei den meisten anderen Herren hingegen betont diese Art von Pullover gnadenlos sämtliche Problemzonen – ein Bierbäuchlein oder eine Hühnerbrust etwa. Deshalb geht der Look höchstens noch bei Programmierern in Ordnung, für die modisches Understatement seit den ikonischen Apple-Auftritten des verstorbenen Steve Jobs‚ quasi zum Berufsethos gehört und die für Sport, Muskelaufbau und eine gesunde Gesichtsfarbe keine Zeit haben, weil sie die digitale Zukunft retten müssen.

Nachdem nun geklärt wäre, wer Rollkragenpullover tragen kann und wer nicht, muss noch erörtert werden, wo und wann dieses Kleidungsstück überhaupt zum Einsatz kommen sollte. Die Bambi-Verleihung in Berlin ist zum Beispiel eher ein ungeeigneter Ort – auch, wenn man wie Jogi Löw ein feines Jackett drüberzieht. Ja, es geht in der Mode heutzutage mehr um persönlichen Stil als um Dresscodes, mit denen sich eh keiner mehr auskennt, und mit dem Argument der Individualität lassen sich auch gelbe Strumpfhosen rechtfertigen.

Doch denken wir kurz darüber nach, welche Konsequenzen es für die Stilentwicklung deutscher Männer hat, wenn ein Mann mit landesweiter Vorbildfunktion (Bundestrainer!) zu einem Event mit rotem Teppich und Frauen in langen Abendkleidern und vielen, vielen Fotografen im Rollkragenpullover erscheint; praktisch im gleichen Outfit, in dem er am Rande von Fußballfeldern vor Nervosität Kaugummi zu Fäden zieht.

Bei diesem Anblick denkt sich doch der durchschnittlich modisch begabte deutsche Mann, der Sneaker zum Anzug für ultralässig hält und selbst mit deutlich gelichtetem Haupthaar mit allen Mitteln um seine Lässigkeit kämpft: „Also, wenn der Jogi im Rolli einen Bambi in Empfang nimmt, dann kann ich wohl im gleichen Look die Schulorchesteraufführung meiner Tochter besuchen! Und ins Büro werde ich jetzt mal wieder mein altes Skatersweatshirt aus dem Jahr 1992 tragen – voll der jugendliche Style! Ich war früher echt mal richtig wild, das wissen die Kollegen ja gar nicht! Und wo sind eigentlich meine alten Nike Air Max?!“ Und so werden dann sämtliche Bemühungen von Stilexperten oder modisch versierten Lebenspartnern, deutsche Herren endlich zu stilsicheren Wesen zu transformieren, wieder zunichte gemacht. Toll. Danke, Jogi!

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