„Hallo :) Hoffe, dir geht’s gut :) Liebe Grüße :)“

Überall nur noch lachende Gesichter: Jede Mail, jeder Chat wird mit Dutzenden freundlichen Emojis garniert. Aber ist ein Smiley wirklich das Äquivalent zu Freundlichkeit im echten Leben?

Dieser Text ist zuerst am 08.12.2020 auf welt.de erschienen.

„Liebe xz :)“, tippe ich, „hoffe, dir geht’s gut 🙂 Könntest du dich bei Gelegenheit um folgende Angelegenheit kümmern? Das wäre ganz toll! 🙂 Liebe Grüße! :)“. Seit sich meine berufliche Kommunikation im Homeoffice zu 90 Prozent in Chats und Mails abspielt, garniere ich jede Nachricht mit zahlreichen Emojis. Am häufigsten kommt das klassische Smiley zum Einsatz, das gelb lächelnde Gesichtchen, das passt eigentlich immer – vor allem, wenn ich den Eindruck habe, meine Mail könnte im Gesamteindruck noch ein bisschen freundlicher wirken.

Denn die Dutzenden Textnachrichten, die ich täglich verschicke, sind von einer permanenten Sorge begleitet: Es könnte jemand was in den falschen Hals bekommen. Eine Nachricht missverstehen, einen Witz nicht erfassen. Ich will doch, dass die Leute mich mögen! Oder zumindest will ich mich nicht mit Kolleg*innen verkrachen, die ich einst im Großraumbüro ins Herz geschlossen habe, weil im Teams-Chat zu viel (oder zu wenig) zwischen den Zeilen gelesen wurde.

Und ich weiß, dass nicht nur ich mir diese Gedanken mache; ich empfange mindestens so viele Smiley-Nachrichten, wie ich selbst versende. Ein schnell ans Satzende geknalltes Emoji soll eben für mehr Herzlichkeit im alltäglichen Miteinander sorgen. Egal ob im beruflichen Mailverteiler oder im privaten WhatsApp-Chat. Ein, zwei, drei Smileys in einer Nachricht sollen das ersetzen, wovon wir in diesem Jahr im Alltag viel zu wenig bekommen: ein wissendes Grinsen, ein freundlicher Gruß, eine freudige Umarmung.

Gleichzeitig soll ein Smiley nicht nur oberflächliche Freundlichkeit, sondern auch eine gewisse Achtsamkeit vermitteln. Dem Smiley-Empfänger zum Beispiel signalisieren: Hey, ich weiß, es sind keine leichten Zeiten, wenn diese Nachricht dich auf dem falschen Fuß erwischt, bitte ich mit diesem Smiley schon mal im Voraus um Entschuldigung!

Das Smiley steht in diesem Jahr für eine Art ostentative Freundlichkeit, die, seien wir ehrlich, im ruppigen Prä-Corona-Alltag sonst auch nicht immer gegeben war. Doch die Doppelpunktklammer zu tippen dauert eben nur circa drei Millisekunden. Schon ist das Smiley da. Es soll einer passiv aggressiven Bemerkung im Freundechat die unbeabsichtigte Schärfe nehmen. Den Arbeitsauftrag mit einer nervtötenden Aufgabe angenehmer erscheinen lassen. Schlicht: die dem Leben zugewandte Grundeinstellung der absendenden Person demonstrieren. Und dafür ist nicht mal gute Laune im real life erforderlich. Es geht deshalb, vermute ich, beim digitalen Smiley-Overload bisweilen nicht nur darum, anderen ein besseres Gefühl zu geben, sondern auch die Selbstwahrnehmung ein bisschen zu manipulieren: Ich bin doch wirklich ein meganetter Mensch! Und auch so positiv immer!

Kein Wunder, dass das Smiley auch als T-Shirt-Aufdruck oder Schmuckanhänger gerade extrem beliebt ist. Mein Instagram-Feed jedenfalls zeigt mir unzählige Produkte mit lächelnden Emojis an. Zwei hübsche Beispiele: Das dänische Label Ganni verkauft ein T-Shirt mit Smiley-Print und dem Aufdruck: „Have a nice day!“; die Hamburger Schmuckdesignerin Nina Kastens hängt gelbe Smiley-Anhänger ans Ohr.

Womit wir bei der Frage wären: Ist uns ein bisschen aufgesetzte Positivität lieber als Ehrlichkeit? Ich bin jedenfalls mal gespannt, ob die Menschen ihren Hang zur digitalen Freundlichkeit wirklich in ein Offlinelächeln übersetzen werden, wenn aus „The New Normal“ wieder „The Old Normal“ wird (hoffentlich bald). Bis dahin denke ich aber, dass wir dieses Jahr wohl schon genug mitgemacht haben. Und halte es deshalb mit der Devise: Lieber fake als fies. 🙂

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