„Keine Sorge, du bist auch bald dran!“

Wieso glauben Menschen, dass die Hochzeit einer Freundin bei allen unverheirateten Gästen sofortigen Heiratsalarm auslöst?!

Wenn eine Frau heiratet, verwandelt sich das Leben sämtlicher Freundinnen in einen Jane Austen-Roman, wirklich wahr. Denn offenbar gilt vielen Mitmenschen die Eheschließung in möglichst romantischer Inszenierung auch 2019 immer noch als höchstes Lebensziel in einem Frauenleben. Und ist erst einmal eine erfolgreich unter die Haube geraten, dann richtet sich das gesellschaftliche Mitleid auf die armen Schäfchen, die von diesem Ziel so weit entfernt sind wie Anne Elliott nach der geplatzten Verlobung mit Captain Wentworth: den unverheirateten Freundinnen der glücklichen Braut.

Wenn eine Freundin heiratet, wird man vom Umfeld als unverheiratete Frau mit wunderlich-altertümlichen Trostlosungen bedacht: „Keine Sorge, du bist bestimmt auch bald dran“, wurde mir in diesem Jahr etwa prophezeit, als die Hochzeit einer Freundin anstand. Ganz selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass Vermählungen im Freundeskreis bei Frauen eine Art inneren Panikautomatismus auslösen: Hilfe, ich bin bald 30, ich brauche auch schnell einen Ring am Finger! (Dazu hörte ich dieses Jahr übrigens auch den schönen Spruch: „Mehr als so einen rock am Finger braucht man echt nicht im Leben.“)

Dass man ehrlich nicht von einem Auftritt im weißen Spitzenkleid träumt, glaubt einem keiner mehr, sobald man als Frau die 25 überschritten hat. Auch nicht, dass man sich aufrichtig für eine heiratende Freundin freuen kann, ohne gleich selbst sämtliche Brandenburger Hochzeitslocations abzutelefonieren, um sich wenigstens schon mal einen Termin zu sichern.

Und je vehementer man dementiert, zu Hause schon einen Hochzeitsplanungsordner angelegt zu haben, desto verdächtiger macht man sich: Jaja, die ist nur neidisch, wahrscheinlich läuft es in ihrer Beziehung nicht so!

Ich frage mich, warum Hochzeiten wieder zu der Lebenszäsur von anno dazumal hochstilisiert werden. Liegt es daran, dass wir jeden Tag bombastische Traumhochzeiten in den Instagram-Feed gespült kriegen und unsere Gehirne langsam diese Idee geformt haben, dass es bei aller gesellschaftlicher Freiheit eben doch irgendwie dazu gehört, irgendwann in den Hafen der Ehe zu schippern? Einfach, weil es eine Erfahrung ist, die „man mal gemacht haben muss“, so ähnlich wie bei einem Auslandssemester oder Drogenkonsum? Heiraten Menschen aus #Fomo – und wollen sie andere mit ihren Kommentaren nur davor bewahren, einen schrecklichen Fehler zu begehen, indem sie die Erfahrung auslassen, vor den Augen von Freunden und Kollegen Ringe zu tauschen und eine Torte anzuschneiden?!

Nach einigen Saisons im hochzeitsfiebrigen Alter kann ich jedenfalls bekunden, dass ein Frauenleben immer noch in das Davor und Danach aufgeteilt wird. Irgendwie muss man es schaffen, auf die Danach-Seite zu gelangen. Und wer in dieser Hinsicht keinen Ehrgeiz zeigt, wird von wohlmeinenden Seelen mit motivierenden Seitenhieben bearbeitet.

Langsam begreife ich, warum Menschen, die immer behauptet haben, kein Interesse an eingetragenen Partnerschaften zu hegen, doch irgendwann „Wir trauen uns“-Einladungskarten im weiß-rosa Farbschema verschicken. Wie viele Freundinnen-Hochzeiten inklusive „Ich hätte ja auch nie gedacht, dass Heiraten so schön sein kann, trau dich einfach, hihi!“-Kommentaren ich noch durchstehen kann, bis ich vor lauter Genervtheit aus Versehen meine eigene Hochzeit organisiere, weiß ich wirklich nicht.

Die einzige ehrliche Braut, mit der ich jemals gesprochen habe, ist übrigens meine Kollegin Nicola – mit der ich diese Podcast-Folge zum Thema Heiraten aufgenommen habe:

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