Die verlogene Spiritualität der Yoga-Szene

In Yoga-Kursen muss man sich oft Lebensweisheiten der Lehrer anhören. Wie: „Legt nicht so viel Wert auf Materielles“. Das wäre ja ok – wäre die Yoga-Branche keine derartige Geld-Maschinerie.

Dieser Artikel ist zuerst am 29.10.2018 auf ICONIST erschienen. 

„Ich will in diesem Kurs nur Leute mit positiver attitude haben“, sagt die Yoga-Lehrerin und ich vermute sofort, dass wir keine Freunde werden. Ich bin ungefähr 30 Sekunden zu spät zum Kurs „Gentle Yoga“ erschienen und es ist klar, dass ich mit meiner offensichtlichen Gestresstheit die Ayurveda-Tee-trunkene Selbstzufriedenheit der Yoga-Gruppe störe. „Good Vibes only“, gebietet die Lehrerin, die wahrscheinlich Dina-Aruna oder so ähnlich heißt. Mir stellt sie sich nicht vor.

Da will ich, so wie jeder in Berlin-Mitte, endlich einmal was Gutes für Körper und Seele tun und hab schon vor dem ersten Sonnengruß alles falsch gemacht. Ich fühle mich ganz schrecklich unerleuchtet.

Zumal die Stunde mit einem Vortrag über die Bedeutungslosigkeit des Materiellen beginnt. Die anderen Kursteilnehmer nicken verständnisvoll zu den Ausführungen: „Das Materielle ist nicht wirklich wichtig. Was zählt, ist Liebe, haltet Euch nicht an Gegenständen fest, das wollte ich Euch einfach mal mitgeben“.

Ich denke ängstlich an meinen Wintermantel von Ermanno Scervino, der im nicht abgeschlossenen Umkleideraum hängt. Was, wenn den jemand klaut?! Dina-Aruna merkt natürlich, dass ich nicht bei der Sache bin, die „Happy Baby Pose“, bei der man auf dem Rücken liegend die Füße umklammert, will bei mir einfach nicht klappen. Das liegt offenbar daran, dass ich „nicht loslassen“ kann. „Just let go of your negative thoughts“, sagt Dina-Aruna.

Ja, wie denn?! Je länger ich die einzelnen Yoga-Stellungen halten muss, desto langweiliger wird mir – und desto mehr Aggressionen stauen sich in mir auf gegen diese Frau, die in ihren 100-Dollar-Leggings von Lululemon selbstgefällig auf ihrem Yoga-Block hockt, die Abfolge der Übungen von einem Blatt abliest und dafür 18 Euro pro Teilnehmer verlangt.

Die Yoga-Branche betreibt die größte Geldmacherei überhaupt. Mit der Hoffnung zahlloser Menschen, dank Asanas-Geturne zu erschlanken und zu erleuchten, wird Schätzungen zufolge weltweit jährlich ein Umsatz von 80 Milliarden Dollar gemacht. Alle wollen was abhaben von diesem Yoga-Kuchen. Die Lehrer in Berlin-Mitte. Die „Retreats“ auf Bali, wo diese ausgebildet werden. Die Kundalini-Gurus, deren Video-Lehren man sich per Abo aufs iPad laden kann. All die Unternehmen, die Yogamatten, Zubehör, Klamotten herstellen oder Yoga-Workout-Apps erfinden. Die Yoga-„Influencer“, die Werbung für all diese Produkte machen.

Ich habe ja gar nichts gegen das Business, das sich aus dem Hype um Yoga ergibt. Im Gegenteil, ich bin absolut empfänglich für alle Maßnahmen, die mehr Fitness und ein glücklicheres Leben versprechen. Nur hat Yoga, zumindest in der westlichen Gesellschaft, wirklich wenig mit der Abkehr von materiellen Werten zu tun.

Natürlich weiß ich, wie die Yogalehrerin ihre Anti-Konsum-Ansprache ungefähr gemeint hat. Nämlich so, wie der katholische Pfarrer im Weihnachtsgottesdienst stets davon redet, dass man das wahre Weihnachtswunder über die Geschenke nicht vergessen dürfe. Man redet davon, weil es zum weltanschaulichen Ideal gehört, nicht unbedingt zur Realität.

Das ist ja das Prinzip von Religion: Die Schäfchen sollen sich immer ein bisschen schlechter fühlen als die Hirten. Nur kann ich, wenn ich über meine Unzulänglichkeiten als Mensch sinnieren will, auch bei der Religion bleiben, für die ich eh schon Kirchensteuer bezahle.

Wenn ich hingegen zum Yoga gehe, will ich, dass mir jemand zeigt, wie ich meinen Bürostuhl-geplagten Rücken entlasten kann. Was ich nicht will: mich für meinen First-World-Status schämen müssen. Nicht, wenn vor dem Kursraum die Regale mit Paleo-Riegeln (drei Euro), Schaumrollen (20 Euro) und Bambusshirts (50 Euro) vollgestopft sind – weil darauf spekuliert wird, dass sich die Yoga-Suchties den ganzen Quatsch schon kaufen werden, weil man damit ja „was Gutes“ für die Gesundheit tut. Nein, wirklich nicht.

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