Frauen, hört auf, ständig über Euer Gewicht zu reden!

Bei allem Respekt vor den Errungenschaften der Emanzipation: Wir Frauen beschäftigen uns noch immer viel zu intensiv mit unseren Figuren – und vor allem mit Zahlen auf der Waage. Warum das endlich aufhören muss.

Dieser Artikel ist am 13. August 2018 auf ICONIST.de erschienen. 

Morgens stelle ich mich auf die Waage und trage mein Gewicht in eine App ein. Ich habe hier einen sensationellen Selbstbetrug perfektioniert: das Gewicht wird nur eingetragen, wenn es mir gefällt, und so zeigt das Kurvenschaubild in der Gesundsheitsapp eine wundervoll gleichmäßige Entwicklung an.

In der Redaktion suche ich mit einer Kollegin Bilder aus für einen Artikel über Konstanze Klosterhalfen, eine 21 Jahre alte Langstreckenläuferin. Während ich Konstanze doch als sehr schmal empfinde, seufzt die Kollegin bewundernd auf: „Wahnsinn, was die für einen Körper hat, wie macht die das??“ Naja, denke ich, die läuft eben jeden Tag mehrere Kilometer, während wir nur vorm Computer hocken.

Beim Mittagessen treffe ich mich mit einer Bekannten. Sie isst einen kleinen Salat mit einem Klacks Hüttenkäse. Ich schäme mich, dass ich mir das Kantinen-Schnitzel bestellt habe und frage mich, was die Bekannte wohl von meiner Selbstdisziplin in Sachen Gesundheit hält

Bei meinem nachmittäglichen Instagram-Scroll stoße ich auf ein Foto der Fitnessbloggerin Louisa Dellert. Auf dem Bild zieht sie ihren Rock seitlich über die Hüfte, auf der gebräunten Haut treten ein paar Dehnungsstreifen hervor. „Auch unsere Tiger brauchen mal Auslauf“, hat Louisa unter das Bild geschrieben, mit dem Hashtag #freeyourstripes will sie dazu auffordern, auch mit Dehnungsstreifen ins Schwimmbad zu gehen. Ich frage mich, ob meine Oberschenkel auch so aussehen.

Abends treffe ich mich mit einer Freundin, die bald heiraten will. Bis dahin müsse sie aber, erzählt sie mir, dringend drei Kilo abnehmen, damit sie in ihr Kleid passe. Und überhaupt, sie fühle sich mit 62 statt 65 Kilo einfach insgesamt wohler, Punkt. Nach 18 Uhr isst sie deshalb nichts mehr.

Auf dem Heimweg höre ich einen feministisch angehauchten Podcast, in dem eine Bloggerin erzählt, dass sie sieben Kilo zugenommen habe, sie sich mit ihrem „neuen Körper“ erst einmal anfreunden müsse und dass das sehr schwierig für sie sei – sie wisse schon, dass sie immer noch superschlank sei, trotzdem müsse sie doch auch das Recht haben, sich über die zusätzlichen Kilos zu ärgern.

Denn darüber ist man sich einig in einer Zeit, in der Nachrichtenmagazine mit Abnehmtipps auf dem Cover werben, Moderatorinnen Online-Fitnessprogramme entwickeln und Modeblogs Mindest-BMIs für junge Models fordern: Es darf, es soll jeder über das eigene Gewicht reden. Wir alle müssen offener im Umgang mit unseren Körpern werden.

Aus diesem Gedanken speist sich auch der Erfolg der Body-Positivity-Bewegung: Nur, wenn wir reden, können wir ein gesundes Verhältnis zu unseren Körpern entwickeln. Wir müssen doch wissen, wie es anderen mit ihren Kilos geht! Wir müssen lernen, dass Dehnungsstreifen normal sind! Wir müssen fragen, wie andere Frauen es schaffen, sich wohl in ihren Körpern zu fühlen! Das ist nämlich schwierig, oh, so schwierig, für Frauen schon fast unmöglich.

Ist es das wirklich? Wäre es nicht hilfreicher, endlich damit aufzuhören, x-mal am Tag über das Thema Gewicht nachzudenken und zu sprechen? Unabhängig davon, ob diese Gedanken von selbstzerstörerischen Komplexen beherrscht werden oder von achtsamer Reflexion geprägt sind. So lobenswert die Bestrebungen der Body-Positivity-Bewegung nämlich auch sein mögen – selbst vermeintlich irre progressive Dehnungsstreifen-Posts führen letztlich nur dazu, dass Frauen noch mehr Zeit damit verbringen, sich mit ihren vermeintlichen Makeln und dem Umgang mit selbigen auseinanderzusetzen.

Ich persönlich kann einfach nicht mehr. Ich will auch nicht mehr. Wenn ich überlege, wie oft am Tag ich selbst, die Frauen in meinem Umfeld und in den Medien über Speck, Speckbeseitiguns- und Speckverdeckungsmaßnahmen sprechen, wie häufig die Körper von anderen Frauen kommentiert werden, böswillig und gutmütig, wie oft über zu dicke Arme/Beine/Bäuche lamentiert wird, dann wird mir schlecht.

Es kann doch nicht sein, dass emanzipierte, kluge, politisch korrekt denkende, für Gesellschaftskonflikte sensibilisierte, tolle, erfolgreiche Frauen ihre persönliche Zufriedenheit immer noch von der Beschaffenheit ihrer Figur abhängig machen. Von Kilogramm-Zahlen, die noch nicht einmal Aussagen über den Gesundheitszustand treffen können. 65 schwabbelige Kilogramm sind wohl weniger erstrebenswert als 67 trainierte Kilogramm.

Ich habe keine Lust mehr, über meine Figur reden, über meine Beine, die ich zu kräftig fand, seit ich denken kann, ich will keine schlechte Laune mehr haben, weil die Waage ein anderes Ergebnis als gewünscht anzeigt, ich will mir nicht mehr vornehmen, ab sofort mein Leben umzukrempeln, aber wirklich diesmal, denn vielleicht schaffe ich es ja doch, irgendwann so trainiert zu sein wie Fitness-„Influencerinnen“. Und wenn mir noch eine Freundin von ihren Bemühungen berichtet, bis zur Hochzeit drei Kilo abnehmen zu müssen, weil der Tag sonst offenbar Gefahr läuft, nur halb so schön zu werden, fange ich an zu schreien!

Ich weiß, dass wir nichts dafür können. Wir haben schon als Teenager gelernt, dass Frauen eben über ihre Körper reden. Dass das kollektive Leiden der allermeisten Frauen an der Tatsache, nicht modelschlank zu sein, verbindet: „Ich hab so zugenommen.“ – „Nein, gar nicht, du siehst toll aus, aber schau dir mal mein Hüftfett an, wie das über die Hose quillt!“ – „Quatsch. Du bist schlank, halt nicht so magersüchtig wie Eva.“ – „Ja, die sieht echt schlimm aus.“ So gehen Frauengespräche, das ist die fürchterliche Wahrheit.

In einer Folge der Serie „Sex and the City“ zählen die vier Freundinnen reihum auf, was sie an ihren Körpern jeweils stört. Carrie verweist auf ihre Nase, Charlotte mag ihre Schenkel nicht, Miranda stört sich an ihrem Kinn – nur Samantha schweigt zunächst. Die anderen geben sich damit natürlich nicht zufrieden, so ein Verhalten liegt außerhalb der weiblichen Verhaltenscodices, man leidet gemeinsam unter dem Druck der Gesellschaft, als Frau perfekt aussehen zu müssen, jede Frau ist unzufrieden mit mindestens einem Körperteil, das ist nun mal so, Punkt, aus!  „Was denn?“, antwortet Samantha schließlich, „mir gefällt mein Aussehen nun mal.“ – „Du hast ja auch genügend Geld dafür ausgegeben“, sagen die Freundinnen. Alle lachen. Hahaha. Wenn eine Frau zufrieden mit ihrem Körper ist, dann nur, weil sie übertrieben viel dafür tut.

Ich erinnere mich an Zeiten, als meine Freundinnen und ich in Jeans im Freibad lagen. Wir waren 13 oder 14 und hatten panische Angst davor, dass Jungs an unseren Körpern Dinge entdecken könnten, die da vermeintlich nicht hingehörten. Körperhaare, Dehnungsstreifen, Pickel. Die Freude darüber, endlich Brüste zu bekommen, war schon längst der Angst vor dem Frausein gewichen. Wir lagen in Jeans auf der Wiese. Im Schatten natürlich. Gott bewahre, dass wir schwitzten.

Wir Mädchen muteten uns das selbst zu. Weil die anderen ihre Jeans anbehielten, machte man selbst das eben auch so. Und wehe, eine zog die Jeans aus („Die hält sich wohl für krass schön“). Über den Umgang mit Körpern wurde kollektiv bestimmt: welche Kleidergrößen ok waren (36, maximal 38), welches Gewicht akzeptabel (55-58 Kilo, bloß nichts mit einer 6 davor), welche Haarentfernung man als Initiationsritus ins Frauendasein ausprobiert haben musste (Waxing für die Mutigen, Haarentfernungspaste ging aber auch, die stank zwar fürchterlich, löste aber jedes Haar und hinterließ, anders als Rasierer, keine Stoppel, ih).

Damals lernte ich, dass es zum Frausein gehört, sich fortwährend mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Und zwar nicht nur im Stillen, in Gedanken. Gespräche über Diäten und Figuren hielt ich für normal.

Was mich über Jahre tröstete, war der Gedanke, dass das doch irgendwann aufhören müsse. Dass erwachsene Frauen wohl Wichtigeres zu tun hätten, als sich über ihre Körper, ihr Essverhalten, ihr Gewicht zu unterhalten.

Jetzt, mit 28, stelle ich fest, dass es nicht so ist. Ich kenne nur wenige Frauen, auf Anhieb fallen mir vielleicht drei ein, die ein unproblematisches Verhältnis zu ihrem Körper pflegen. Mit unproblematisch meine ich: Sie essen, wenn sie Hunger haben, sie haben keine Angst vor Kohlenhydraten, sie gehen zum Sport, weil sie Spaß daran haben, und vor allem reden sie nicht andauernd darüber.

Wie viel Zeit diese Frauen für andere Themen haben müssen! Wie viel Energie in ihren Gehirnen frei bleibt für Gedanken, die nichts mit Körpern zu tun haben! Vielleicht säßen schon längst viel mehr Frauen in Aufsichtsräten, wenn wir nicht so viel Zeit damit vertüdern würden, uns über zu eng gewordene Hosen zu ärgern.

Wir müssen dringend aufhören, uns so viele Gedanken über unsere Körper zu machen. Wir müssen Apps löschen, mit denen wir die Nahrungsaufnahme und den Gewichtsverlauf dokumentieren. Wir müssen aufhören, andere Frauen mit dem Lautmachen eigener Komplexe zu verunsichern. Wer sich über zu breite Fesseln beklagt, kann sich ziemlich sicher sein, damit eine andere Frau auf den Komplex-Trichter zu bringen, die sich bislang noch nie Gedanken über ihre Fesseln gemacht hat. Und wir müssen aufhören, die Inszenierung vermeintlicher Makel als wahnsinnig mutig zu empfinden. Dehnungsstreifen sind normal, es sollte genau null Prozent Mut kosten, sich damit im Freibad zu zeigen.

Das hört sich nun wahnsinnig pathetisch an. Daher möchte ich an dieser Stelle gern eine ganz praktische Faustregel aufstellen. Zweimal am Tag darf man über Körper reden und nachdenken, öfter nicht. Öfter ist ungesund. Vielleicht entwickle ich eine App, mit der man das tracken kann, und werde ganz furchtbar reich damit. Das wäre schön.

 

 

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