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Warum es sinnlos ist, eine „coole Frau“ sein zu wollen

Männer träumen ja gern von ihr: der „coolen Frau“. Eine entspannte, unhysterische Männerseele im Körper eines Bikinimodels. Für Frauen ist dieses Ideal nur Belastung. Schluss mit diesem Quatsch!

Dieser Artikel ist zuerst erschienen am 23. November 2017 auf iconist.de. 

Es gibt eine Sache, in der ich mein ganzes Leben lang sehr schlecht war, und das ist „cool sein“. Konnte ich leider noch nie. Dabei habe ich mich redlich bemüht, mir schwarze Balken um die Augen gemalt, einen 80er-Jahre-Plattenspieler in die Wohnung gestellt, auf Alternative-Elektropop-Konzerten herumgehopst, einmal, auf einer Party, sogar mit traubenzuckerähnlichem Pulver experimentiert. Wow!

Hat aber alles nichts gebracht, Coolness hängt ja nicht nur an Äußerlichkeiten, die innere Einstellung muss stimmen. Und ich bin wohl einfach zu aufbrausend, ungeduldig, hysterisch („eine Spinne!!“) und nervös, um wahrhaft cool zu sein. Das wird sich vermutlich auch nicht mehr ändern. Die letzte Hoffnung in diesem Punkt nahm mir kürzlich ein Berliner Bürgeramtsbeamter, der mir sagte, ich müsse dringend weniger hektisch durchs Leben gehen, das sei nicht gesund.

So viel zu mir. Ja, ich könnte mich bemühen, gelassener zu werden. Mich öfter mit Zigarette im Mundwinkel für Instagram fotografieren, häufiger auf Szenepartys herumschleichen, Ungerechtigkeiten achselzuckend abschütteln. Versuchen, eine „coole Frau“ zu sein. Ich habe dazu nur wirklich nicht die geringste Lust. Das habe ich jetzt, mit 27 Jahren, ein für alle Mal beschlossen.

Das hat durchaus Gründe. Wenn man sich mal genauer damit beschäftigt, was man so gemeinhin unter einer „coolen Frau“ versteht, wird klar, dass das gar nicht so erstrebenswert ist.

Im Psychothriller „Gone Girl“ von Gillian Flynn wird die „coole Frau“ wie folgt beschrieben: „Männer benutzen das als ultimatives Kompliment. ‚Sie ist ‚ne coole Frau.’ Das bedeutet, dass man eine heiße, schlaue, lustige Frau ist, die Fußball, Poker, dreckige Witze und Rülpsen mag, die Computerspiele zockt, billiges Bier trinkt, Dreier und Analsex liebt. Die Frau, die sich Hot Dogs und Hamburger reinstopft und trotzdem Kleidergröße 34 trägt, denn coole Frauen sind vor allem sexy. Sexy und verständnisvoll.“

Diese Charakterisierung ist gar nicht mal so lustig gemeint, den Männern im Buch ergeht es sämtlich sehr schlecht. Und warum? Zum einen, weil sich die weibliche Hauptfigur als durchgedrehte Psycho-Braut entpuppt. Zum anderen, weil es sich bei der „coolen Frau“ vornehmlich um eine Männerfantasie handelt.

Die „coole Frau“ ist die Antithese zur anstrengenden, hysterischen, emotional angeschlagenen, überkritischen Durchschnittsfrau. Von der einen träumen Männer, die andere haben sie zu Hause, das ist ein bisschen wie mit Porno und echtem Sex. Es gibt inhaltliche Überschneidungen, ganz das Gleiche ist’s aber nicht.

Ähnlich wie beim Thema Pornopraktiken neigen Frauen allerdings auch in puncto Coolness dazu, das große Ziel mit perfektionistischen Taktiken zu verfolgen. Zum Beispiel werden alle Kleidungsstücke eingekauft, die Modezeitschriften als elementar für den „Cool Girl Look“ empfehlen: schwarze Lederjacken, weiße Tanktops und zerrissene Jeans etwa. Und hofft, dass die Männer einen in diesem Outfit in der Bar mal beim Billard mitspielen lassen.

Natürlich darf man nicht zugeben, dass man eine Modezeitschrift gelesen hat und gar shoppen war. Zumindest nicht, wenn männliche Wesen in der Nähe sind. Da bricht man sich lieber einen Zahn aus dem Gebiss beim verzweifelten Versuch, die Bierflasche per Gebisstrick zu öffnen.

Wie mühsam! Das Dilemma der „coolen Frau“ wird hoffentlich deutlich. Es ist sinnlos, sich um Coolness zu bemühen, allein der Akt der Bemühung steht dem Wesen der Coolness diametral entgegen. Die Anstrengungen kann man sich also sparen.

Das ist die erste gute Nachricht. Die zweite: Am Mythos der „coolen Frau“ wird neuerdings doch ziemlich gekratzt. Den besten popkulturellen Abgesang auf die „coole Frau“ lieferte die schwedische Künstlerin Tove Lo: In ihrem Song „Cool Girl“ parodiert sie den vermeintlich lässigen Umgang „cooler“ Frauen mit offenen Beziehungsformen, „let’s keep it fun“, singt sie, und „ice cold I roll my eyes at you, boy“. Im dazugehörigen Video ist sie alles andere als eiskalt, zündet aus Eifersucht gleich mal ein ganzes Motel-Zimmer an.

Im skandinavischen Avantgardepop dient das Bild der „coolen Frau“ also nur noch als peinliches Klischee. Früher hat man sich über Hausmütterchen mokiert, jetzt über Frauen, die sich für besonders abgeklärt halten. So wie gewisse 50-Jährige, die noch immer von den Nach-der-Wende-in-Berlin-Partys schwärmen und glauben, sie hätten in ofenlosen Altbauwohnungen den Techno erfunden. Burn, cool girl, burn.

Das Konzept „coole Frau“ ist eben einfach nicht mehr zeitgemäß. Das Leben als Frau ist schon anstrengend genug, man denke nur an #bodyshaming und #metoo. Da kann es wohl nicht ganz angehen, dass man das halbe Leben damit verbringt, sich darum zu sorgen, ob man nun den aktuellen Coolness-Standards entspricht oder nicht.

Es gibt wirklich Wichtigeres zu tun. Ist eigentlich egal, womit man sich beschäftigt, das kann der letzte Nerdkram sein. HTML lernen, Briefmarkensammlungen sortieren, Gewürzbehälter für den Küchenschrank basteln – alles ist besser, als ständig darüber zu sinnieren, ob man die richtigen Türsteher kennt. Mit Zweifeln an der eigenen Coolness erreicht man nichts im Leben, sie sind also komplett überflüssig.

Wenn man sich übrigens mal besonders erfolgreiche junge Frauen anschaut, dann stellt man fest, dass für viele „cool sein“ gar kein Thema mehr ist. Im Gegenteil, sie kokettieren inzwischen sogar ganz gern mit der eigenen „Uncoolheit“. Die Schauspielerin Emma Watson bezeichnete sich selbst schon mit 19 Jahren als „Toyota Prius“ ihrer Altersgenossinnen – sie sei nun mal vernünftig und ein bisschen langweilig. Die amerikanische Lifestyle-Unternehmerin Emily Weiss schrieb kürzlich unter ein Instagram-Video, in dem sie mit ungelenk mit einem Bierbecher in der Hand herumtänzelt: „proof that i am not cool“ – „der Beweis, dass ich uncool bin“.

Und ach ja, Taylor Swift, einer der größten Popstars unserer Zeit, schert sich einen Teufel um ihre Coolness: In ihrem neuen Album „Reputation“ geht es vornehmlich darum, einigen Personen (=Kanye West und sämtliche Ex-Boyfriends), die ihr ihrer Meinung nach Unrecht getan haben, eins auszuwischen. Vendetta-Taylor ist sozusagen das Gegenteil von Teflon-Merkel. Das entspricht nun ganz und gar nicht der allgemeinen Vorstellung von einer „coolen Frau“, die jede Fiesigkeit an sich abprallen lässt, weil sie ja so wahnsinnig entspannt ist.

In der Welt der Prominenten bleibt bald niemand mehr übrig, der noch das Klischee der „coolen Frau“ bedienen würde. Die Ideale haben sich verändert: Achtsamkeit und Self-Awareness haben die Idee der Achtlosigkeit als Heilsbringer für die Seele abgelöst. Man kümmert sich um sich selbst, um die Gesundheit, die Gefühle, die Karriere, das alles passt mit nachlässiger Coolness nicht zusammen.

Zum Schluss noch der ultimative Beweis dafür, dass die „coole Frau“ als Lieblings-Fata-Morgana heteromännlichen Wunschdenkens bald ausgedient haben dürfte: Nicht mal auf Kate Moss, die Ikone der „Mir doch egal, was Drogen mit mir machen“-Bewegung, ist in Sachen live fast, die young noch Verlass. Sie habe das gesunde Leben für sich entdeckt, erklärte sie jüngst in einem Interview mit der Zeitung „The Guardian“, seit einigen Wochen mache sie täglich eine Stunde Sport. Mit dem Kochen habe sie auch angefangen. Ihre Spezialität? Ein Sonntagsbraten.

 

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