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Wieso tun wir bei Partys immer noch so, als wär 1954?

Mädchen kichern, Jungs spielen Bierpong

„Henri, wo bist Du denn, Henri, hier steht ein Drink für Dich“, schrie ein Mädchen in Leopardenshorts. Die Geburtstagsfeier war so weit vorangeschritten, dass die Rollen der Gäste längst verteilt waren und man nur noch mit größter Mühe davon loskommen konnte, etwas anderes als der Sofahocker/die Balkonraucherin/die schweigende Beobachterin zu sein. Dieses Mädchen war nicht die Gastgeberin, hatte sich aber trotzdem für die Rolle der tüchtigen Küchenhilfe entschieden und bereitete nun auf der Küchentheke Cuba Libres im Akkord zu. Natürlich nicht im Stillen, es sollten schon alle mitbekommen, wie tatkräftig und gut gelaunt sie sich für den erfolgreichen Fortgang der Party engagierte. Henri & Co. fanden das super, versammelten sich freudig um das geschäftige Leoparden-Mädchen und ließen sich bewirten. Ein anderes Mädchen wusste diese Runde nicht anders zu stören als mit den Worten – „Klopf, klopf, entschuldigt, darf ich mal das stille Wasser haben?“. Wirklich wahr!

Ich hingegen saß einsam auf einem Ikea-Poäng-Sessel und fürchtete um den Gesamtzustand der Emanzipation. Wieso mimen auf Partys die Frauen immer noch die fröhlich-bemühten Versorgerinnen, denen scheinbar nichts wichtiger ist als das Wohlergehen der anwesenden Männer?

Nein, hier geht es nicht um das Ausleben von Gastgeber-Talenten. Sondern darum, dass sich Mädchen und Frauen sich in gemischten Gruppen so gern auf althergebrachte Rollen verlassen. Lieber kichern statt zu debattieren, lieber die Drinks mixen anstatt auch mal den Tischkicker in Anspruch zu nehmen. Frauen wie das Leoparden-Küchenhilfe-Mädchen bestimmen nämlich die Dynamik an solchen Abenden: Sobald sich eine Frau als patente Wirtin vom Wörthersee gibt, glauben die anderen sofort, dass sie selbst als komplizierte Weiber gelten, wenn sie bei diesem „Ich bin so unkompliziert“-Getue nicht mitmachen.

Ich bin ja selbst genauso und befreunde mich in Runden, in denen ich nicht viele Leute kenne, immer zuerst mit den anderen Frauen. Das ist einfach, denn unter Frauen sind die Codes klar. Man ist freundlich zueinander, erzählt harmlose Geschichten, lacht ein bisschen über die Männer und ihre dilettantischen Grillversuche. Es nervt mich trotzdem manchmal.

Ich sah mich um auf der Party. Das gleiche Bild wie so oft: Ein paar Mädchen hingen dem einen Schwätzer, den es auf jeder Feier gibt, an den Lippen, dankbar dafür, dass jemand die Gestaltung des Gesprächs übernommen hatte. Zwei andere steckten die Köpfe zusammen, um Beziehungsprobleme zu besprechen. Ok. Und dann musste es natürlich noch die eine Hübsche geben, die bei den Männern auf dem Balkon stehen darf und über jeden Witz lacht, den Kopf in den Nacken gelegt.

Ja, Menschenskind! Hat sich seit den Tanzstundenbällen aus dem Jahr 1954 nichts geändert? Bringen die Abermillionen von Female-Empowerment-Artikeln im Internet denn rein gar nichts?!

Ehrlich gesagt: Wenn wir Frauen uns schon so reaktionär anstellen, dann will ich von den Männern bei einer Party im Gegenzug wenigstens mit Handkuss begrüßte werden und bei Regen beschirmt zur U-Bahn geleitet werden!

Oder wie seht Ihr das? Lasst es mich in den Kommentaren wissen! 

4 Kommentare

  1. Vielleicht liegt es daran, dass die Geschlechterrollen eine starke biologische Komponente haben. Diese Studie ist dazu ganz interessant:
    Es zeigt sich eine Abhängigkeit vom pränatalen Testosteronspiegel.
    https://allesevolution.wordpress.com/2012/07/27/biologische-faktoren-vs-erziehung-auswirkungen-bei-den-geschlechterrollen/

    Und auch Cah Mädchen sind FA interessant: weil ihr Testosteronspiegel vor der Geburt sehr hoch ist verhalten sie sich eher wie Jungs
    https://allesevolution.wordpress.com/2011/06/03/congenital-adrenal-hyperplasia-cah/
    Und
    https://allesevolution.wordpress.com/2014/12/21/pranatale-hormone-und-verhalten/

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  2. Jens sagt

    Hi Julia, im Jahr 1954 wären die Herren nach den Häppchen und mit dem Drink im Rauchzimmer entschwunden und hätten Männerthemen diskutiert. Die Damen waren nur noch für den Nachschub an Häppchen nötig. Also es hat sich doch viel geändert seitdem.Erstaundlich ist, dass die taffen, selbständigen, emanzipierten, gleichberechtigten und erfolgreichen Frauen an den Schirm und den Handkuss denken.

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    • Lieber Jens, ob jetzt Raucherzimmer oder Bartheke – mir geht es um die Beobachtung, dass Männer und Frauen immer noch in getrennten Rollen feiern. Und wenn sich Frauen schon „für das leibliche Wohl“ zuständig fühlen, dann würde ein altmodisch-galantes Verhalten von Männerseite den Ausgleich bedeuten! 🙂

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