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Hyggelig im Bademantel

Das Trend-Kleidungsstück läutet den Rückzug ins Private ein. Willkommen im Neo-Biedermeier.

Dieser Text ist am 7. April 2017 im Magazin Das Schaufenster erschienen. Online HIER.

Politisches Engagement lässt sich heutzutage ja wunderbar vom heimischen Sofa aus erledigen, über das Internet. Das ist recht praktisch: So muss man keine Banner und Sprücheshirts mehr für Demonstrationen gestalten oder sich mit Mitstreitern mühsam verabreden; eigentlich muss man das Haus nicht einmal verlassen. Es reicht beispielsweise, vom Sofa aus ein paar #Girlpower-Nachrichten ins Handy zu tippen, um sich als Feministin zu stilisieren. Angesichts der zahlreichen Sofa-Aktivisten zeigte die Modeabteilung des „New York Magazine“ kürzlich die Outfits, in denen sich „rage tweets“, also empörte Twitter-Meldungen, besonders angenehm verfassen ließen – dabei handelte es sich um eine Auswahl der schönsten Bademäntel.

In zahlreichen Sommerkollektionen wird der Bademantel prominent inszeniert. Bei Lacoste gibt es knielange Kapuzenmäntel in Knallfarben, der amerikanische Designer Jonathan Simkhai versuchte, weißen Morgenmänteln mit Aussparungen und Drapierungen Sex-Appeal zu verpassen, und das amerikanische Hipster-Label Band of Outsiders, dessen kreatives Team vom avantgardistischen Antwerpen aus arbeitet, steckt Frauen in karierte Großvatermäntel. Einen eindrucksvollen modischen Auftritt hatte der Bademantel zudem bei der Alta-Moda-Präsentation von Dolce & Gabbana in Hongkong im vergangenen Dezember: Weiße Hotelbademäntel und Frottee-Schlapfen wurden zu Smoking-Hemd und Fliege kombiniert und konterkarierten die Schneiderkunst, die die restlichen Entwürfe auszeichnete.

Auch der viel beachtete deutsche Jungdesigner William Fan brachte in seiner Sommerkollektion einen weißen gesteppten Bademantel unter – überhaupt scheint seine ganze Kollektion mit den blau-weiß gestreiften Pyjama-Blusen und locker sitzenden Hosen wie für einen Gammeltag im Wohnzimmer gemacht zu sein. Wenngleich für einen sehr eleganten. Auf Nachfrage sagt William Fan: „Ich finde es schön, banale Kleidungsstücke auf den Runway zu holen, weil die alltäglichen Basics viel zu selten Beachtung finden. Natürlich trage ich auch privat sehr gern einen Bademantel.“

Zieht also das Private in die Mode ein, und machen Designer nur noch Mode fürs Private? Oder hat das private Leben den öffentlichen Raum einfach schon längst erobert, sodass es gar keine Trennlinie mehr zu beachten gibt? Wer vom Frühstücksei bis zum Einschlaftee seinen Alltag im Internet postet, der findet vielleicht gar nichts dabei, im Frotteemantel auf die Straße zu treten. Dabei war das Tragen eines Bademantels lang ein Zeichen größter Subversion, wie ein Blick auf berühmte Bademantelträger der Kulturgeschichte beweist: Zum Selbstverständnis als Jahrhundert-Casanova gehört es für „Playboy“-Gründer Hugh Hefner seit Jahrzehnten dazu, nur noch in Schlafzimmerbekleidung unterwegs zu sein. Er möge es eben, wenn Menschen sich komfortabel kleideten, sagte er einmal.

Weitere Beispiele: Im Film „The Big Lebowski“ dämmert Jeff Bridges als „The Dude“ im Bademantel vor sich hin, und in der Sci-Fi-Komödie „Per Anhalter durch die Galaxis“ stolpert der Protagonist und Antiheld Arthur Dent im Frotteemantel aus Versehen in Abenteuer. Auch der deutsche Komiker Olli Dittrich lungert für seine Improvisationsshow „Dittsche“ stets im speckigen Bademantel in einem Imbiss herum. Der Bademantel ist eben als Stilmittel beliebt, wenn es darum geht, eine gewisse Entrücktheit gegenüber dem gewöhnlichen Leben zu inszenieren: egal, ob es dabei um alte, abgehalfterte Männer geht oder um Hollywood-Diven wie Marilyn Monroe. Die letzten Fotos, die vor ihrem Tod von George Barris gemacht wurden, zeigen sie im Minibademantel am Strand. Ein vermeintlich privater Moment, der aber für ein Buchprojekt inszeniert worden war.

Im Jahr 2017 hat der Bademantel hingegen jegliches Anarcho-Flair eingebüßt. Das zeigte zuletzt auch Ralph Laurens Adaption des Looks während der Modewoche in New York: Der bodenlange Bademantel war zwar aus einem edlen Stoff gefertigt – doch wurde er zu zerschlissenen Stone-washed-Jeans und Plateausandalen kombiniert. Die Styling-Variante für harmlose „All American Girls“. An exaltierten Showauftritten scheint ohnehin niemand mehr interessiert zu sein. Jede Schauspielerin, die etwas auf sich hält, erzählt gern, dass sie am allerliebsten in Jeans und T-Shirt unterwegs sei. „Der Glamour ist verschwunden“, stellte der Autor Tobias Haberl kürzlich im „SZ-Magazin“ fest. Fazit seines Essays: „Es scheint, als sei unsere Vorstellung von Glamour tief in der Ästhetik und Logik des 20. Jahrhunderts verankert, als könne es ihn in einer aufgeklärten, modernen und moralischen Variante nicht geben.“

In der Tat rücken seit einigen Jahren immer wieder Kleidungsstücke in den Fokus der Konsumenten, die eigentlich für Momente abseits der großen Bühne gedacht sind: Erst waren es Pyjama-Blusen und Kimonos, die plötzlich alltagstauglich wurden. Dann schickte selbst Karl Lagerfeld Models in Jogginghosen auf den Laufsteg – der einst das Bonmot geprägt hatte: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Wieder ein wenig später wurde das gehäufte optische Normalo-Aufkommen (Jeans plus Sweatshirt) in westlichen Großstädten mit viel Medienrauschen als „Normcore“ beschworen, neuerdings spricht man lieber vom dänischen „Hygge“, was so viel wie Gemütlichkeit bedeutet.

Beide Begriffe beschreiben das gleiche Phänomen, nämlich die Abkehr vom Showmachen und den Rückzug ins Private – eine Art Neo-Biedermeier. Wenn es im Weltgeschehen vor brenzligen Konflikten und undurchschaubaren Populisten nur so wimmelt, macht man es sich zu Hause gemütlich – am liebsten eben im Bademantel. Kein Kleidungsstück steht mehr für ein heimeliges Gefühl der Aufgehobenheit als der Bademantel. Im Frottee-Total-Look fühlen sich selbst gestressteste Erwachsene an Kinderzeiten erinnert, als sie nach dem abendlichen Bad mit einem Teller voller Butterbrote und einem Becher Kakao noch ein bisschen fernsehen durften.

Kein Wunder also, dass selbst veritable Modemagazine wie die britische „Elle“ den Bademantel bereits als „staple“, als unverzichtbares Garderobengrundbestandteil, dekla-rieren; den Status erreichen sonst nur noch Kaschmirrollis und Streifenshirts. Vermutlich sehnen sich Moderedakteurinnen eben auch nach nicht viel mehr, als zu Hause zu entspannen. Wenn man aus unvermeidlichen Gründen doch noch einmal nach draußen muss, dann kann man dies ja nun getrost im Bademantel tun. Und bei der Konfrontation mit seiner Umwelt wenigstens gemütlich gekleidet sein.

1 Kommentar

  1. (BITTE DEN VORHERIGEN KOMMENTAR LÖSCHEN. DER WAR VOLLER TIPFEHLER)

    Also der einzige Fall, wo ein Bademantel wirklich elegant und weltmännisch wirkte, war bei Udo Jürgens, wenn er für eine seiner berühmten Zugaben noch mal auf die Bühne kam (mit Schweiss verklebtem Haar). Das war authentisch, hatte Stil, war aber gleichzeitig auch ein irgendwie rebellisches Statement. Ansonsten weckt Bademantel bei mir immer die Assoziation von Reha-Kliniken, und wer will schon unnötigweise an die eine Woche erkältungsbedingtes Kranksein erinnert werden?
    Es gibt daneben natürlich als Alternative noch diese japanischen Yukata, die man aus den dortigen Hotels gerne als praktisches Reisesouvenir mitbringt, auch weil sie aus Leinen oder Baumwolle gefertigt viel weniger Platz im Koffer benötigen als ein Bademantel aus Frotté. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Yukata
    Die sind ganz objektiv, auch ohne Promotion durch James Bond, stilsicherer, haltbarer und Ressourcen-schonender.

    Ich hoffe, der Kommentar wird nicht bei WordPress wegen der Links rausgefiltert.
    Beste Grüsse Michael

    Gefällt 1 Person

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