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Sind wir jetzt selbst zum Geldabheben zu faul?!

Oder: Wieso hat eigentlich niemand mehr Bargeld dabei?

Den Artikel vom 12.02.2017 findet Ihr auch auf iconist.de.

In Schweden soll es nur noch zehn bis 20 Jahre dauern, bis das Bargeld komplett abgeschafft wird, das sagen zumindest Finanzexperten voraus. Schon jetzt kann man dort einfach überall mit Kreditkarte bezahlen, die schwedischen Banken haben eine App herausgebracht, die Bargeld im Alltag überflüssig macht. Daher wird dort auch niemand mehr angepöbelt, wenn am Tram-Fahrkarten-Automaten die passenden Münzen fehlen.

Nun, in Skandinavien ist man ja in vielem etwas weiter als in Deutschland – ganz gleich, ob es um die Kitas, Modetrends oder eben Kartenzahlung geht. Hierzulande ist es hingegen immer noch so: Wer den Taxifahrer am Flughafen Tegel aus Höflichkeit nach der Möglichkeit der Kartenzahlung fragt, muss sich einen halbstündigen Vortrag über die unmöglichen Zwangsauflagen der Stadt Berlin anhören, die alle Taxifahrer zum Mitführen eines Kartenlesegeräts verdonnern.

Naja, und eben jener Taxifahrer, in dessen Auto man nach der Rückkehr von einer anstrengenden Geschäftsreise geplumpst ist, befindet sich in seit langem in einem Rechtsstreit mit der Stadt, er ist eine Art Jeanne d’Arc der Berliner Taxifahrerzunft, der einzige, der sich der Kartenlesegerätverordnung verweigert.

Und so führen Taxifahrten soundso oft erst einmal auf umständlichen Wegen zu einem Bankautomaten. Könnte natürlich auch eine Geschäftsidee sein. Denn Taxifahrer kriegen so viel von der Menschheit mit, die wissen, dass heutzutage vor allem die jüngere Generation für gewöhnlich kaum noch Bargeld dabei hat. Warum das so ist, stellt ein einziges Mysterium dar – angesichts der Probleme, die ein leeres Münzfach im Portemonnaie bereitet.

Denn auch im Hipster-Imbiss kann man nicht mit Karte bezahlen, in halblegalen Clubs schon gar nicht, im Modegeschäft steht man des Öfteren schweißgebadet an der Kasse, weil „die Verbindung vom Gerät“ abgestürzt ist und der Zahlvorgang fünf Mal hintereinander abgebrochen wurde.

Trauriger Höhepunkt im bargeldlosen Leben der Autorin dieses Textes: Bei einem 25. Geburtstag, der in einer Bar gefeiert werden sollte, traf sich die Partytruppe von 15 Mann zunächst vor einer Sparkasse in Neukölln, erst mal Geld holen. Denn dass man sich von jemandem mal drei Euro für ein Bier leihen kann, davon darf man schon lange nicht mehr selbstverständlich ausgehen ausgehen.

Es hat einfach niemand noch Bargeld dabei. Obgleich man weiß, wie sehr das den Alltag erschwert. Warum also ist das so? Nach langem Sinnieren kommt eigentlich nur eine Erklärung für dieses Phänomen in Betracht: Höchstwahrscheinlich sind wir auch noch zum Geld-Abheben zu faul geworden.

Denn dafür muss man einen Bankautomaten suchen und sich in eine Schlange stellen, außerdem muss man sich einen Pin merken und manchmal kostet die ganze Chose auch noch Gebühren. Ganz furchtbar anstrengend und zeitraubend ist das – und aus Sicherheitsgründen leider nichts, das man outsourcen könnte, an einen Praktikanten oder so. Dabei kann man sich mittlerweile beinah alles bequem nach Hause liefern lassen, Essen, Putzgeräte, komplette Wohnzimmereinrichtungen, ja, selbst das Trinkgeld für die jeweiligen Lieferboten kann man im Internet stets bequem gleich mitüberweisen.

Nur zum Bargeldholen muss man noch selbst die Wohnung verlassen. Total rückständig! Da hat der moderne Mensch wirklich Wichtigeres zu tun. Daher nun noch ein konkreter Lösungsvorschlag: Beim QVC-Homeshopping gibt es bestimmt demnächst wieder einen dieser unknackbaren Tresore im Angebot; da könnte man dann so viel Bargeld hinein tun, dass man für ein bis zwei Jahre nicht mehr zur Bank muss.

Bis dahin gibt es vielleicht auch hierzulande endlich eine App, mit der man im Café einfach das Kuchenstück abscannt, das man gerne essen möchte, und das hat man dann automatisch bezahlt, inklusive Trinkgeld, das die App je nach kulturellen Gepflogenheiten berechnet und gleich mitabbucht. Superpraktisch!

Und außerdem sehr demokratisch. Denn eine bargeldlose Gesellschaft würde dazu führen, dass niemand mehr den 100-Euro-Schein aus Omas Weihnachtsbrief kommentiert, der beim Öffnen des Portemonnaies zwischen 20 Supermarktbelegen hervorlugt: „Boah krass, Du bist ja voll reich, so große Scheine trägst Du mit Dir rum?!“

 

 

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