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Die Inflation der Stilratgeber

Gefühlt bringt alle paar Wochen ein Modeblogger oder -journalist einen neuen, natürlich ultimativen Stilratgeber heraus. Warum sich die Anschaffung echt nicht lohnt, lest Ihr hier

Diesen Text habe ich für das Schaufenster geschrieben, das Magazin der österreichischen Zeitung Die Presse. Den Original-Text inklusive toller Illustration findet Ihr HIER. 

Ein Mysterium, dass überhaupt noch ungeschickt angezogene Menschen auf der Straße herumlaufen: Schließlich gibt es inzwischen genügend Stilratgeber, die genaue Anleitungen dafür liefern, wie man modische Blamagen in der Öffentlichkeit vermeidet. Man gebe nur bei Amazon den Suchbegriff „Ratgeber Mode“ ein – die Ergebnisliste spricht für sich. Vor Kurzem erst erschienen ist etwa das Buch der deutsch-dänischen Modejournalistin Marlene Sørensen, „Stilvoll. Inspiration von Frauen, die Mode lieben“. Weil es in dem Buch um schöne Dinge geht, kann man es sich gleich in drei verschiedenen Einbandfarben bestellen, je nachdem, was am besten auf den Coffee Table im trauten Eigenheim passt. Außerdem gibt es darin tolle Expertentipps für die nächste Shoppingtour mit der besten Freundin: Jeans sollte man immer ein wenig zu eng kaufen zum Beispiel, beim Tragen weiten die sich nämlich. Und ein gestreiftes Sweatshirt, Fachbegriff: Marinière, das gehört nun wirklich in jeden Frauenkleiderschrank! Denn, so ist zu lesen: „Man muss nicht wie Brigitte Bardot aussehen, um ein gestreiftes Top zu tragen.“

Das Buch wurde rasch ein Bestseller, für derlei Weisheiten finden sich derzeit anscheinend viele Leser. Angefangen hat der Hype um Modebücher im Jahr 2013, mit dem Bestseller „Der Berliner Stil“ von Verlegerin und Society-Lady Angelika Taschen. Der Band, bald in mehrere Sprachen übersetzt, erklärt ganz ernsthaft, dass stilsichere Berlinerinnen dringend Skinny Jeans von Acne, abgewetzte Designerhandtaschen und teure Naturkosmetik benötigen.

Über solche Tipps kann man streiten. Fest steht aber, dass „Der Berliner Stil“ einem ganzen Sachbuchgenre einen unerklärlichen Erfolg, eine Art „Harry Potter“-Boom verpasst hat. Einem Genre, das man vielleicht als „Anziehregeln für die Gegenwart, erklärt von sogenannten Stilikonen“ beschreiben könnte. So erklärte die frühere Lagerfeld-Muse Inès de la Fressange in „Parisian Chic“ bereits 2011, welch fundamentale Bedeutung ein echter Burberry-Trenchcoat für die Garderobe der Pariserinnen habe. Exmodel Caroline de Maigret folgte 2014 mit ähnlichen Ansichten in „How to Be Parisian Wherever You Are“, Bloggerin Garance Doré fasste die Geheimnisse des französischen Stils 2016 noch einmal in „Love x Style x Life“ zusammen (hier kurz in Klammern: Cabanjacken, Ballerinas, knöchelfreie Hosen). Doch es geht natürlich nicht immer nur um diesen oder jenen Hauptstadt-Stil. Die Inflation der Stilratgeber zielt auf all jene ab, die sich auch nur im Entferntesten Gedanken machen über das, was sie tagtäglich anziehen. Schwangere und Mütter lassen sich etwa von einem „Mama Style Guide“ leiten, wer wissen will, wie man die #OOTD-Like-Chancen auf Instagram erhöht (kurz für: Outfit of the day), der sollte sich indessen eher an den Anziehregeln von Bloggerinnen wie Sofie Valkiers oder Julie Sariñana orientieren.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, ­ja, selbst der deutsche YouTube-Star Sami Slimani hat mit seinen Schwestern bereits ein Buch herausgebracht, in dem beschrieben wird, wie das bei ihnen morgens vor dem Kleiderschrank und Schminkspiegel so abläuft. Inzwischen ­­­gibt es so viele hübsch gestaltete Modebibeln, dass sich eigentlich jeder Modejournalist und/oder Instagramstar töricht vorkommen muss, so er noch keinen Verlag für ein ähnliches Œuvre gefunden hat.

Schließlich lässt sich aus der Lektüre der bereits erschienenen Exemplare ziemlich fix eine Art Gebrauchsanweisung ableiten: Zunächst werden einige unverfängliche, möglichst allgemein gültige Stylingregeln aufgestellt, die dann mit Anekdoten garniert werden. In etwa so: „Tragen Sie High Heels, und es wird ein toller Tag; ich nehme immer meine roten von Céline.“ Anschließend werden die Vorzüge von Modeklassikern erläutert, ein schwarzer Blazer kann beispielswiese ultralässig wirken, wenn man ein T-Shirt drunterzieht. Gut machen sich auch konkrete Shoppinglisten oder Boutiquentipps, nicht, dass die Leserin sich den Blazer am Ende von der falschen Marke kauft! Zu guter Letzt empfiehlt es sich, im Buch ein paar lebensnahe Erkenntnisse einzustreuen, um die eigene Glaubwürdigkeit und Autorität zu stärken – Stilsicherheit kann schließlich nur beanspruchen, wer auch Lebenserfahrung vorzuweisen hat. Für die optische Aufbereitung bittet man hernach noch eine befreundete Streetstyle-Fotografin um Hilfe, als PR-Maßnahme werden sämtliche befreundeten Redakteurinnen und Brancheninsiderinnen vorgestellt, die zum Dank für ausreichend Publicity sorgen. Fertig ist der Bucherfolg.

Nun ist freilich ganz und gar nichts falsch daran, sich mit schönen Dingen zu beschäftigen. Im Gegenteil. Und es ist auch interessant zu lesen, wie sich Menschen, deren Metier Design ist, anziehen und einrichten. Genau deshalb würde man sich aber echte Kennertipps, Meinungen und Geschichten aus der verrückten, schönen, lustigen, exzentrischen Welt der Mode wünschen, keine strengen Regelwerke, Go- oder No-go-Listen oder Kleiderschrank-Sortiertipps. Dann kann man auch Anne Fogartys „Kleines Buch für die gut gekleidete Ehefrau“ von 1959 lesen, die stellte damals schon fest, wann überflüssiger Krempel aussortiert gehört – aber auch, dass es in der Mode eben kein „Für immer“ gibt.

Wieso also wird fast 60 Jahre später so über Mode geschrieben, als ginge es um eine strenge Religion, in der man Fehltritte verheimlichen muss – und sich deshalb am liebsten auf unkomplizierte, unverfängliche „Basics“ wie schwarze Jumpsuits und graue Kaschmirpullover verlässt? Und geht es wirklich immer nur darum, sich „wohlzufühlen“, oder kann Mode nicht auch dazu dienen, sich selbst herauszufordern? Im Leben muss man sich schon mit genügend Regeln und Anweisungen herumschlagen, bei der Wahl der Garderobe muss das doch nicht sein. Man denke nur an die arme Herzogin Kate, der die Queen ihre geliebten Wedge Pumps wegen des Hofprotokolls verboten haben soll.

Jedenfalls sollte eine Stilfibel, die auf sich hält, wohl aufschlussreicher sein als ein Offline-Pendant zu Instagramfotos, die Goldkettchen und Blumenvasen auf Marmorplatten zeigen. Und man könnte sich von den Verfassern auch eine hedonistischere Haltung erwarten als „So geht das, damit macht man nichts falsch“. Alles andere ist enttäuschend und fühlt sich so an, als würde der Steuerberater die besten Tricks für sich behalten.

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