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Darf man sich ohne Follower bald zu gar nichts mehr äußern?!

„Wer ist die, dass die so was schreibt?!“ – Warum man als Journalistin offenbar nur noch mit riesiger Social-Media-Gefolgschaft kritisch schreiben darf

Schon wieder zwei Follower weg. Heute morgen hatte ich noch 422, jetzt nur noch 420. Dabei kämpfe ich doch gerade um jeden einzelnen meiner Instagram-Fans! Mein #goal für 2017: endlich die 1000er-Grenze knacken.

In den letzten Monaten musste ich nämlich einsehen, dass man ohne Follower einfach gar nicht mehr auskommt. Mit Twitter muss ich es schon überhaupt nicht mehr versuchen, da muss man monatelang retweeten und loben und öffentlich über die nerdigen Real-Life-Beobachtungen der deutschen Twitter-Größen lachen, bevor man überhaupt nur registriert wird.

Deshalb konzentriere ich mich zunehmend auf Instagram (@juliahackober, falls jemand meinen Account wissen will, zwinker, zwinker). Ich poste echt viel, so viel, dass es mir oft wirklich schon etwas peinlich ist. Wollen meine 420 Follower wirklich 15 Fotos von meinem einwöchigen Teneriffa-Urlaub sehen?!

Doch irgendwas muss ich tun. Denn ohne Follower geht mir bald jede Glaubwürdigkeit abhanden. Das musste ich jüngst wieder feststellen, als ich meinen Artikel zum problematischen Begriff Influencer veröffentlichte; auf Facebook moserte eine beleidigte Leberwurst sogleich: „Wer ist die Autorin, dass…“

Und das passiert mir immer wieder. Wer ist die, dass die meint, sowas schreiben zu dürfen, das zu beurteilen, sich dazu zu äußern. Da ich mich gern schnell echauffiere, googelte ich die beleidigte Leberwurst von Facebook; es handelte sich um eine Person mit 18.000 Followern, die sich angesichts dieser Tatsache vermutlich selbst zur deutschen Influencer-Szene zählt und sich daher angegriffen fühlte. Ok, damit kann ich leben.

Was mir aber schon zu denken gibt, ist die Tatsache, dass man gerade in der Modebranche ohne Instafame irgendwie gar nichts zählt. Meine Berechtigung, Dinge zu sagen oder zu schreiben, obwohl ich keine Szene-Berühmtheit bin, wurde nämlich bereits des Öfteren angezweifelt. Eine PR-Frau sprach mich beispielsweise einmal sehr direkt darauf an, dass sie sich ja schon gewundert habe, wie ich auf die Idee käme, dermaßen kritische Artikel über Blogger zu schreiben; sie habe ja nicht einmal gewusst, wer ich überhaupt sei!

Früher wurden die Moderedakteurinnen nach Dienstrang bei Modenschauen platziert, die Chefredakteurinnen saßen selbstverständlich in der ersten, die Moderedakteurinnen in der zweiten Reihe. Inzwischen wird die Bedeutung einer Person innerhalb der Szene nur noch an den Followern gemessen, egal, wie verschnarcht-dödelig jemand im wirklichen Leben ist oder wie viele Projekte er oder sie wegen mangelnder Kompetenz bereits versemmelt hat.

Hauptsache, Follower, dann denkt irgendwann selbst jeder ehrenwerte Talkshow- oder Printmagazinredakteur, wow, das ist ja anscheinend eine extrem wichtige Persönlichkeit, die sollten wir unbedingt mal featuren! Vielleicht gelingt es uns, einen Hype um diese Person zu erschaffen, immerhin sieht die auch noch ganz gut aus!

Und ohne Follower, ohne hörige Internetgemeinde, ist man eben nicht so interessant, daraus lässt sich nichts machen. Im amerikanischen Podcast „Lady Lovin'“ sprach Comedian Kate Hendricks  (von „Kate the Wasp“) kürzlich darüber, dass Verlage ihr Exposé für ein Buch ablehnten – mit der Begründung, sie sähen keine Wachstumsmöglichkeiten für ihre Followerzahl. „20k“ Abonnenten zählen offenbar auch nichts mehr; Hendricks veröffentlicht einzelne Kapitel ihres Buches nun einfach selbst, für 99 Cent bei Amazon Kindle.

Insofern sehe ich mit meinen paar Hundert Followern wirklich schwarz für meine journalistische Zukunft. Ohne Follower darf man sich offenbar nicht einmal mehr über die lapidaren Phänomene der Modebranche und -szene äußern, zumindest nicht, ohne die Keule mit dem Totschlagargument „Du bist ja nur neidisch, Du hättest ja selbst gern so viele Follower“ um die Ohren gehauen zu bekommen.

Und wisst Ihr was? Das stimmt sogar, ich hätte gern mehr Follower! Deshalb habe ich kürzlich sogar ein Bikinifoto gepostet! (Hat nichts gebracht.) Denn dass ich was Ernsthaftes studiert habe, dass ich seit mehreren Jahren in diesem Beruf arbeite, dass die Klickzahlen meiner welt.de-Artikel ganz schön viele Stellen haben, all das legitimiert mich offenbar nicht einmal dazu, mich darüber zu äußern, dass Gelb eine ganz schön hässliche Trendfarbe ist. Oder dass Netzstrümpfe nun mal nicht jeder Frau so gut stehen.

Im Übrigen, zum Schluss noch das Allerschlimmste: Ich bin mit dem Schreiben dieses Artikels fertig – und habe nur noch 419 Follower. Hashtag Depression!

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