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Was haben Fast-Nackt-Fotos mit Feminismus zu tun?

Auf Instagram zeigen sich Berühmtheiten wie Emily Ratajkowski gern minimal bekleidet. Angeblich alles im Namen des selbstbestimmten Feminismus – aber wie selbstbestimmt sind „Boobie-Pics“ wirklich?

Emily Ratajkowski urlaubte gerade mit diversen Modelfreundinnen auf den Bahamas. Dort braucht man keine richtigen Kleidungsstücke, ein paar Bikinis und Jeansshorts reichen für ein paar Tage in der Sonne – und für Dutzende „Wir sind schön und haben Spaß“-Fotos allemal. Und so postet Emily Ratajkowski auf Instagram, wie sie sich auf einem Jetski rekelt, hält ihren mit Sand beschmierten Hintern in die Kamera und macht Selfies im knappen Bikinioberteil, mit verwuscheltem Haar und mit leicht geöffnetem Mund.

Die 25-Jährige gehört mit ihren freizügigen, lasziven Bildern zu den Begründerinnen und mit über neun Millionen Followern zu den berühmtesten Protagonistinnen eines eigenen Instagram-Genres – der Fast-Nackt-Fotos. Denn dafür, dass die zu Facebook gehörende Fotoplattform keine Nippelfotos erlaubt, geht es momentan ganz schön sexy auf Instagram zu. Die Feeds sind voll von nackten Hintern und Dekolletés. Der Mut zur nackten Haut äußert sich in vielerlei Varianten: Victoria’s-Secret-Models wie Bella Hadid beweisen ihre Job-Legitimation durch Bikinifotos, die den durchtrainierten Bauch zeigen, Kylie Jenner setzt sich oben ohne ihrem Freund auf den Schoß – und Modebloggerinnen wie die Hamburgerin Marie von Behrens fotografieren sich für Calvin-Klein-Werbeposts mit geöffneter Jeans.

Nun könnte man dieses Hüllen-fallen-Lassen vor einem Millionenpublikum als ziemlich einfache Masche abtun, mit der sich Follower gewinnen, das Publikum vergrößern und die #ad-Einnahmen ins Unermessliche steigern lassen. Vielleicht setzt im Strom der immer gleichen Fotomotive einfach auch das ein, was noch am Ende jedes kulturellen Entwicklungsprozesses stand: Wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann zieht man sich eben aus, ob auf der Theaterbühne oder auf Instagram.

In Zeiten des Netzfeminismus ist die Angelegenheit allerdings komplexer. Denn wer argwöhnt, Frauen objektifizierten ihren Körper für die Instagram-Karriere, der lässt außer Acht, dass vielen der Leicht-bekleidet-Fotos das Konzept des female empowerments anhaftet. Es geht darum, dass Frauen sich nicht mehr von übergriffigen, aber mächtigen Fotografen wie Terry Richardson dazu überreden lassen, sich vor der Kamera auszuziehen, weil die Branche oder der Modelagent es verlangen – sondern dass sie selbst entscheiden, wann sie wem wie viel zeigen. „My body, my choice“, twitterte Emily Ratajkowski, nachdem ein Fotograf ohne ihr Einverständnis Nacktbilder veröffentlicht hatte, die entstanden waren, als sie noch völlig unbekannt war. Die Veröffentlichung der Bilder stünde für das Gegenteil dessen, wofür sie eintrete, führte Ratajkowski aus.

Man muss wissen, dass Ratajkowski regelmäßig für diverse englischsprachige Publikationen über ihren Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität schreibt. Der Text, den sie Anfang 2016 für Lena Dunhams Newsletter-Format „Lenny Letter“ schrieb, zirkuliert immer noch im Internet; darin springt Ratajkowski eloquent für eine selbstbestimmte „Sexyness“ in die Bresche. Frauen dürften keine Angst haben, als billig zu gelten, wenn sie ihre Sexualität über ihr bloßes Erscheinungsbild auslebten, sondern sich in ihrer Identität bestärkt fühlen.

Natürlich hat Emily Ratajkowski damit absolut recht. Wer ihre Texte liest, will am liebsten sofort zu Hause im Badezimmer Bikinifotos vor dem Spiegel machen und posten – wenn es um die Emanzipation geht, müssen wir doch alle zusammenhalten! Wie engstirnig, das tief ausgeschnittene Top wieder in den Schrank zurückzuhängen, weil sich die Mitmenschen mit dem Anblick von Brüsten, die einen B-Cup übersteigen, überfordert fühlen könnten. Sich im Namen der gesellschaftlichen Provokation auszuziehen hat freilich einen ganz anderen Geschmack, als Selbiges nur für den Kommerz zu tun. Und wer dann irgendwie doch zu gschamig ist, die Badezimmerselfies in die Netzwelt zu schicken, verpasst einfach der iPhone-Hülle eine „Frida Nipple“-Hülle der Firma Swag my Case – darauf ist eine Illustration der Malerin Frida Kahlo mit der Andeutung einer Brustwarze zu sehen. Gleichzeitig ist das Ganze eine witzige Anspielung auf den Aufruhr um den Hashtag #freethenipple, mit dem Instagram dazu bewegt werden sollte, Nacktbilder auf der Plattform zu erlauben. Man muss also nicht einmal wie Lena Dunham seinen Speckröllchenbauch posten, um die feministische Grundgesinnung klarzumachen, es reicht eine Handyhülle.

Und doch: Gemessen an der Anzahl von freizügigen Bildern auf Instagram, die vielleicht nicht die Brustwarzen, wohl aber sonst fast alles zeigen, könnte man meinen, es wachse eine Generation von Frauen heran, die sich über alle Konventionen und althergebrachten Gendermuster hinwegsetzen, ihre Weiblichkeit selbstbewusst „zelebrieren“ und so mal eben nebenbei alle Probleme wegposieren, mit denen die Müttergeneration noch zu kämpfen hatte.

Schön wär’s, wenn das so einfach ginge, wenn im Jahr 2016 jede Diskussion darüber, wie sich Weiblichkeit und Feminismus vereinbaren lassen, mit ein paar selbstbewussten Bikini-Posts erledigt wäre. Doch so weit sind wir noch lange nicht. Die britische Modejournalistin und Bloggerin Pandora Sykes schrieb kürzlich, sie bezweifle, dass Nacktselfies von überdurchschnittlich schönen Menschen tatsächlich das richtige Mittel seien, um sich für weibliche Selbstbestimmung einzusetzen: „Wenn man sich einen Feed voller Nacktbilder anschaut, dringt dann eine starke Botschaft durch? Oder sieht man, wenn man ehrlich ist, nur ein Paar sehr schöner Brüste.“

Vielleicht sollte Emily Ratajkowski öfter Texte anstelle von „Boobie-Pics“ posten. Zumal es einen sehr simplen Grund hat, warum die allermeisten Frauen die sexy Badezimmerselfies sofort peinlich berührt vom Handy löschen, neben dem, dass eben nicht alle Frauen so aussehen wie Emily Ratjakowski: Es hat mit dem Gefühl dafür zu tun, was im täglichen Miteinander angemessen ist. Es geht nicht darum, dass alles irgendwie Kunst ist, es geht auch nicht darum, weniger genannte, exhibitionistischere Mitmenschen zu diskriminieren, es geht darum, dass es einen Unterschied zwischen einem Saunabesuch und sexy Kalender-Shootings gibt.

Nackt ist nicht gleich nackt. Und so geht es einem mit den vielen, vielen Nackt-Bildern auf Instagram wie mit einer Freundin, die sich immer vollkommen unpassend kleidet und sich so stets in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Nach einer Weile nervt das ganz schön. Nicht jedes eitle Busenfoto lässt sich mit der Erklärung rechtfertigen, man poste das ja im Namen des Feminismus. Und letztlich ist nicht mal klar, welche Reaktion mit den Bildern beim Publikum provoziert werden soll. Das Urteil „sexy“ greift zu kurz, „tolle feministische Botschaft“ wäre unehrlich. Darf man einfach liken und weiterscrollen oder ist das dann wiederum auch unemanzipiert? Die Feminismus-Wolke, die die Nacktselfies umgibt, scheint nur eine Rechtfertigung der Postenden vor sich selbst zu sein – für weitere Bilder dieses Genres.

Letztlich gibt es im Umgang mit den sozialen Medien eine sehr einfache Frage, die man sich vor dem Posten stellen sollte: Würde ich das auch im real life sagen oder zeigen? Darauf dann noch mal 25 Prozent an Privatsphäre drauflegen, und man kommt bei einem vernünftigen Ergebnis raus.

Unflätigen Hate-Followern wird häufig vorgeworfen, sie würden im wirklichen Leben niemals wagen, diese abartigen Bemerkungen von sich zu geben, weil es das allgemeine Anstandsgefühl verbietet. Doch genauso, wie man Fremde kaum von Angesicht zu Angesicht „du Zeilennutte“ nennen würde, so würde man Brüste und Hintern nicht jedem ungefragt und in suggestiver Art und Weise entgegenstrecken. Auch Emily Ratajkowski macht das nur im intimen Kreise ihrer makellosen Modelfreundinnen – oder wenn sie für ein Musikvideodreh gebucht wird und dafür einen Haufen Geld kassiert.

Der Artikel ist zuerst HIER erschienen.

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  1. Pingback: Hurra, Brüste sind wieder „in“! | JULIA HACKOBER

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