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Stadt vs. Land – Eine kurze Befindlichkeitskunde

Die Mentalitäten variieren zwischen Niederbayern und Friedrichshain doch immer noch sehr.

Den Artikel findet Ihr auch HIER auf welt.de/icon. 

Städter machen sich über die Landbevölkerung lustig und andersherum – das war vermutlich schon immer so. Und irgendeinen Unterschied muss es wohl machen, ob man in einem gentrifizierten Großstadtviertel mit vier Café-Bars pro Einwohner oder in einem 5000-Einwohner-Örtchen mit Maibaum in der Mitte lebt.

Wäre ja auch schade, wenn es die Unterschiede zwischen den Mentalitäten gar nicht mehr geben würde, wenn alle regionalen und milieugebundenen sozialen Feinheiten durch den Schwamm der Digitalisierung aufgesogen werden würden.

Wer sich in beiden Welten, also Stadt und Land, zu Hause fühlt, der hat es gut: weil weder der Großstadt-Hipster-Sprech noch der Dorf-Partytalk ein unüberwindbares soziales Hindernis darstellen. Man ist sozusagen Profi in interkultureller Kommunikation. Für alle anderen gibt an dieser Stelle eine kurze Einführung in Befindlichkeitskunde.

Neuigkeiten

Stadt: „Wisst Ihr, was ich heute morgen auf Instagram gesehen habe?“

Land: „Wisst Ihr, was ich gestern auf dem Markt erfahren habe?“Wohnungssuche

Stadt: „Der Berliner Wohnungsmarkt ist echt ein Albtraum. Wir finden einfach nichts; bei den Maklern ist ja nicht mal mit Geld noch irgendwas zu machen, es gibt einfach keine normalen, halbwegs renovierten, bezahlbaren Dreizimmerwohnungen.“

Land: „Meine Oma hat uns einen Acker geschenkt, da bauen wir. Was ganz gut ist: Der Vater vom Sepp ist Bauunternehmer. Auf jeden Fall will ich eine Fußbodenheizung und einen Wintergarten.“

Mode

Stadt: „Fair Fashion, Nachhaltigkeit und so, das ist mir alles superwichtig; also der Pullover hier, der ist aus der ‚Conscious Collection‘ von H&M, das ist ja im Übrigen die einzige Linie von H&M, die vom Design her vertretbar ist. Alles andere da ist von Designern geklaut, richtig schlimm; ich persönlich sehe ja immer sofort, ob jemand das Original oder die Billig-Kopie trägt.“

Land: „Wann ist eigentlich wieder Winterschlussverkauf? Ich bräuchte mal eine neue Hose.“

Beziehungen

Stadt: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir eine offene Beziehung führen oder ob sich das Ganze in Richtung Polyamorie entwickeln wird; mal sehen. Von Tinder melde ich mich auf jeden Fall erst mal nicht ab!“

Land: „Sabrina und Torsten sind schon seit 10 Jahren zusammen, seit sie 16 sind! Und glaubst Du, der macht ihr mal einen Heiratsantrag? Er will nicht mal in die Einliegerwohnung von ihren Eltern mit einziehen, dabei liegt die ganz in der Nähe von seiner Arbeit!“

Job

Stadt: „Ich mach jetzt erst mal Freelance, ich möchte meine Freiheit behalten. Diese festen Attachments bei einer Festanstellung sind einfach nichts für mich; und den ganzen Tag im Großraumbüro sitzen? Nee, echt nicht, ich arbeite vom Laptop aus im Café oder vom Strand in Bali. Ich bin von der Mentalität her eben eher so der Typ Surfer-Girl, wenn Du verstehst, voll gechillt eben. Was nicht heißt, dass ich nicht arbeiten kann – wenn mir ein Projekt wirklich, wirklich am Herzen liegt, so wie der Image-Film für den Fair-Trade-Onlineshop neulich, dann häng‘ ich mich 100-prozentig rein. OK, der Shop wurde nicht realisiert am Ende, aber hat Spaß gemacht!“

Land: „Meine Führungskraft hat mir schon zugesagt, dass ich demnächst eine Beförderung bekomme und dann drei Mitarbeiter und zwei Praktikanten unter mir haben werden. Das wird schon stressig; aber ich bekomm‘ auf jeden Fall einen Firmenwagen fürs Pendeln zwischen Olbrechtshausen und Mieselhöchheim.“

Geld

Stadt: „Heftig, wie billig alles auf dem Dorf ist! Vier Cuba Libre für 13 Euro, das ist ja fantastisch!! Lasst uns einfach alle nach Brandenburg ziehen!!!“

Land: „Welcher Trottel gibt 9,80 Euro für einen Avocado-Toast aus?“

Familie

Stadt: „Super stressig, meine Mutter kann jetzt Facetimen und ruft mich echt mindestens einmal in der Woche an! Als ob die Familien-What’s-App-Gruppe nicht schon voll die krasse Zumutung und zeitliche Belastung wäre! Nur, weil meine Eltern mein Start-up finanziert haben, muss ich mich jetzt dauernd melden oder wie?!“

Land: „Wie, Brunch am Sonntag um 12 Uhr? Da kann ich nicht, die Oma kocht Geschnetzeltes!“

Kultur

Stadt: „Ich schau‘ inzwischen ja gar kein Fernsehen mehr. Brauch ich einfach nicht; im deutschen TV läuft eh nur Schrott, das ist mit amerikanischen Serien überhaupt nicht zu vergleichen.“

Land: „Habt Ihr Lust, am Wochenende nach Ochsenfurt ins Kino zu fahren? Da läuft ‚Fantastic Beasts‘ in 3D, voll geil! Dann würde ich schon mal Fahrgemeinschaften bilden, mit dem Zug brauchen wir sonst nämlich wieder anderthalb Stunden!“

Ernährung

Stadt: „Mit der roh-veganen Ernährung habe ich aufgehört. Ich möchte mich doch nicht so festlegen lassen; wenn ich mal Lust auf Kaffee habe, dann gönne ich mir einen, denn beim Essen geht es immer noch um Genuss und Liebe – auch, wenn ich weiß, dass Kaffee den Körper komplett übersäuert. Mein Mann isst ja manchmal Fleisch; das ist vollkommen in Ordnung für mich. Ist ja sein Körper, soll er damit machen, was er will.“

Land: „Wollt Ihr Schupfnudeln oder Spätzle zum Steak?“

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