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Was ist eigentlich schon wieder „Heritage Core“?

Hin und wieder schreibe ich für die Beilage SCHAUFENSTER der österreichischen Zeitung DIE PRESSE (online hier). Zum Beispiel habe ich den Trendbegriff „Heritage Core“ analysiert – und erklärt, warum sich die Mode manchmal ganz gern konservativ zeigt.

Zuerst erschienen ist der Artikel am 10.03.2016 HIER

Alessandro Michele hat als Chefdesigner bei Gucci dafür gesorgt, dass Handtaschen mit Doppel-G-Logoprint und Loafers mit goldener Schnalle endlich wieder vollkommen unironisch zu tragen sind. Zuletzt waren die einstmals ikonischen Gucci-Accessoires nur noch in Golfclubs, beim Klassentreffen im Nobelinternat oder an Fußballergattinnen zu sichten – doch dank Michele hängt sich jeder Instagram-Star die „Dionysus Bag“ mit beige-braunem Logoaufdruck über die Schulter und lässt die High-Heels-gequälten Füße in flachen Schuhen entspannen. Denn modischer Konservatismus ist gerade sehr in. Chanel ist vom Flirt mit den Jogginghosen abgekommen und konzentriert sich wieder auf beige-schwarze Pumps und Tennisschläger-Sets als Accessoires. Die japanische Modekette Uniqlo ließ Inès de la Fressange eine kleine Kollektion aus klassischen Kaschmirpullovern, Nadelstreifenjacketts und Berets entwerfen; trendbewusste Modebloggerinnen stecken sich Perlenohrringe von Dior an und machen Werbung für Wildlederschuhe von Tod’s. Die 24-jährige Popsängerin Lena Meyer-Landrut trägt immer einen Wappenring, und der Kate-Effect bringt die britische Modebranche auf Vordermann.

Sicherlich: Es gibt immens viele Menschen auf der Welt, die eher für Hunderte von Dollar einen Lippenstift von Kylie Jenner auf eBay ersteigern, als in einen Wintermantel von Max Mara zu investieren, den sie zehn bis 50 Jahre lang tragen können. Dennoch ist der neuerliche Anflug von Großbürgerlichkeit in der Mode Grund genug, dass die amerikanische Zeitschrift „Harper’s Bazaar“ dem Phänomen einen Namen gab: „Heritage Core“ nannte die Autorin Kerry Pieri den Look, in Anlehnung an den gerade noch gehypten Normcore. Zum Verständnis der unübersetzbaren Wortneuschöpfungen: Normcore steht für den massentauglichen Jeans- und T-Shirt-Look, Heritage Core eher für den Stiltypus „reicher Erbe“. Was beiden Cores gemeinsam ist: Die Mode macht mit neuen Begriffen lediglich wieder populär, was schon seit Ewigkeiten existiert.

Wer auf verlässliche Weise gut und weltgewandt aussehen und vor allem nicht als trotteliges Trendopfer dastehen will, der halte sich denn an den Heritage Core. Der angestrebte Look pendelt sich irgendwo zwischen US-amerikanischer Preppiness, britischem Landadel-Chic, Pariser Nonchalance und Kitzbüheler Naturverbundenheit ein – und ist dabei seltsam international und altersunabhängig. Denn das Beste daran ist: Seit Jahrzehnten gibt es einen festen Shoppingkanon für diesen Look, der sich über Generationen hinweg wie von selbst weitervermittelt (oder über Stilanleitungen wie Lisa Birnbachs legendäres „The Official Preppy Handbook“). Die besten Polohemden kauft man bei Ralph Lauren, Väter und Söhne tragen bunte Pullover von Gant, Mütter und Töchter flaches Schuhwerk von Unützer.

Gummistiefel für den Großstädterausflug in den Wald stammen von Aigle oder Hunter, in harten Fällen wird dazu ein Trachtenjanker kombiniert. Für Schmuck und Accessoires gibt man gern Geld aus, zum Beispiel sind Armreifen von Tiffany Standard. Die Trendverschiebungen sind marginal und kurzfristige Angelegenheiten: Mal wird der Kragen vom Polohemd hochgestellt, mal die Longchamp-Tasche lieber in der Armbeuge getragen als über der Schulter.
Besonders beliebt unter Verfechtern des Heritage Core sind Marken, die auf eine lange Tradition zurückblicken können und deshalb in Geschmacksfragen als extrem vertrauenswürdig gelten. „Das ist fast wie bei Angela Merkel. Man vertraut ihr einfach deshalb, weil es sie schon so lange gibt. Das ist bei Marken wie Barbour oder Burberry genauso“, erklärt Gerd Müller-Thomkins vom deutschen Modeinstitut, das seit den 1950er-Jahren Trendentwicklungen beobachtet. Der Barbour-Jacke setzte Christian Kracht mit seinem Roman „Faserland“ 1995 sogar ein literarisches Denkmal, indem er sie zum Sinnbild bürgerlicher Distinktionsmechanismen machte.

Zugegeben, eine Jacke zum identitätsstiftenden Moment einer ganzen Gesellschaftsschicht zu erheben, mag lächerlich erscheinen. Genau darum gehe es allerdings den Verfechtern des modischen Konservatismus, sagt Gerd Müller-Thomkins: „Identität ist ein Kernbegriff unserer Gesellschaft. Ein bestimmtes Paar Schuhe zeigt sofort: Ist mir Nachhaltigkeit und gute Qualität wichtig? Oder halte ich es wie diejenigen US-Amerikaner, die im Jahr 80 Kilogramm Textilien pro Kopf in den Müll schmeißen?“

Zum Glück ist es ziemlich einfach, den eigenen sozialen Status per modischer Ausstaffierung abzustecken. Der Soziologe Heinz Bude hat dieses Phänomen einmal als „ständischen Instinkt“ bezeichnet. In demokratischen, pluralistischen Gesellschaften bliebe sinngemäß irgendwann nur noch der Lebensstil übrig, um sich mit Hilfe von Details wie einer Jackenmarke einem bestimmten bildungsbürgerlichen Milieu zuordnen zu können. Und das bourgeoise Stilempfinden lädt Kleidungsstücke eben gern mit kultureller Bedeutsamkeit auf. Zur bestangezogenen Frau Deutschlands wählte etwa das Berliner „Achtung“-Magazin kürzlich beiläufig Prinzessin Elisabeth von Thurn und Taxis. Diese stilisiert ihre Fähigkeit, stimmige Outfits zusammenstellen zu können, zur familienintern tradierten Begabung hoch: Die Tochter von Gloria von Thurn und Taxis, Modejournalistin in New York, zeigt sich auf ihrem followerstarken Instagram-Account abwechselnd in Reiter-Montur, Vintage-Chanel-Kostümen ihrer Mutter und Designerkleidern junger Labels, die sie einer Kunstmäzenin gleich fördert.

Nur Shopping ist eben zu wenig. Das machen lediglich Modebloggerinnen, die sich ohnehin schon bald wieder von ihren Gucci-Schätzen und ihren Chanel-Pumps verabschiedet haben werden, die emotionale Bindung an ein Produkt ist da ja bei vielen von kurzer Dauer. Darum wird wohl bald der Preppy-Look wieder seinem angestammten Fanclub gehören, für den er viel mehr bedeutet als ein #outfitoftheday auf Instagram. Die Barbour-­Jacken und Goldlogos müssen als soziokulturelles Rüstzeug herhalten können, das ein wohliges Gefühl der gesellschaftlichen Zugehörigkeit vermitteln soll – zu denen, die in Altbauwohnungen mit Parkett und Stuck wohnen, die ihre Bücherschränke nicht nach Farben sortieren, die ihre Familienfotos in Silberrahmen auf das Fensterbrett stellen, seit Jahren in denselben Urlaubsort fahren und die Hilfsprojekte für Flüchtlinge unterstützen, weil sich ein bisschen Charity irgendwie auch gehört. Der fortwährende Rückbezug auf die eigenen Wurzeln, auf das Elternhaus, selbst, wenn man es dort kaum ausgehalten hat, ist schon immer ein so fragwürdiges wie gleichzeitig liebenswertes Charakteristikum dieses Milieus gewesen. Deshalb wird der Heritage Core, oder unter welchen Namen auch immer der Look künftig auch firmieren mag, nicht so bald aussterben.

Doch Obacht: Perlenohrringe können auch täuschen. Man denke nur an die Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel (Lieblingshobby: Bier trinken und abseitige Facebookposts verfassen), immer mit besagtem Ohrschmuck und rotem Beret unterwegs, sowie die linke deutsche Politikerin Sahra Wagenknecht, stets adrett in Blusen gewandet, die Haare zum Dame-des-Hauses-Dutt gedreht. Beide benutzen ihre bürgerliche Tarnung freilich, um das Establishment sozusagen mit den eigenen Stilwaffen aus den Angeln zu heben. Ausruhen darf man sich also nicht auf den Insignien des geregelten Geschmacks. Und auch nicht enttäuscht sein, wenn der eigene Lebenslauf irgendwie nicht so recht zu dem passt, was im Schrank hängt. Ein hellblaues Hemd macht noch keinen Mann von Welt und eine Hermès-Tasche noch keine Jackie Kennedy.

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